#sowastutmannicht

Offener Brief

An den Stiftungsrat und Vorstand der Kulturstiftung Meiningen-Eisenach
sowie die politischen VerantwortungsträgerInnen der Städte Meiningen und Eisenach,
der Landkreise Schmalkalden-Meiningen und Wartburgkreis sowie des Freistaates Thüringen

 Sehr geehrte Damen und Herren,


wir wollen Sie in der gegenwärtigen Situation auf ein Verfahren aufmerksam machen, das eine wichtige Kulturinstitution der Stadt Eisenach betrifft und welches wir für bedenkenswert halten.


Durch die ab der Spielzeit 2021/22 wieder eingeführte Doppelintendanz der Theater Meiningen und Eisenach kam es – für die MitarbeiterInnen des Landestheaters Eisenach völlig unvorhersehbar – zu einer Welle an Nichtverlängerungen durch die neue Leitung rund um den neuen Intendanten Jens Neundorff von Enzberg.

In der Sparte Junges Schauspiel erhielten die Leitung (Schauspieldirektion und Dramaturgie), sowie das Ensemble, bestehend aus 6 SchauspielerInnen, eine Nichtverlängerung, die das Arbeitsverhältnis effektiv zum Sommer 2021 hin beendet. 2 weitere Mitarbeiterinnen aus anderen Bereichen werden ebenfalls nicht verlängert. Das Ballettensemble bleibt von diesen Personalentscheidungen unberührt.

An öffentlich geförderten Theatern gehen mit einem Intendanzwechsel häufig Nichtverlängerungen aus künstlerischen Gründen einher. Wir sind uns dieser Praxis bewusst.
Dennoch stellt sich dringend die Frage, inwiefern es sozial vertretbar und gerechtfertigt ist, in Zeiten einer globalen Pandemie an diesem Prinzip festzuhalten.

Der gesamte Kulturbetrieb wurde von den Beschränkungen der letzten Monate hart getroffen und blickt ungewiss in die Zukunft. Es ist für die Künstlerinnen und Künstler in dieser Situation ungleich schwerer, eine neue Anstellung zu finden. Verschärft wird die Situation durch die Brände am Landestheater, die Aufführungen auf der Bühne bis auf Weiteres unmöglich machen. So wird dem Schauspiel-Ensemble zusätzlich die Möglichkeit genommen, wie sonst üblich potentiell interessierte Arbeitgeber zu Vorstellungen einzuladen und von ihrem Spiel auf der Bühne zu überzeugen.

Herr Neundorff von Enzberg nahm trotz mehrfacher Einladung nicht die Gelegenheit wahr, das Junge Schauspiel auf der Bühne zu erleben und sich so einen Eindruck über die künstlerischen Qualitäten des Ensembles zu verschaffen. Eine fachliche Begründung auf künstlerischer Basis für die Nichtverlängerungen konnte so nicht zustande kommen; es handelt sich um einen bürokratischen Akt ohne Interesse an den davon betroffenen Personen.

An der Entscheidung der Nichtverlängerungen im Jungen Schauspiel hängen persönliche Schicksale und Existenzen, nicht nur der direkt Betroffenen, sondern auch deren Familien. Die Unvorhersehbarkeit dieser Entscheidung betrifft einige der SpielerInnen in besonderer Weise, da mitunter erst kürzlich neue Mietverträge geschlossen und Lebensmittelpunkte mit der Aussicht auf eine längere Beschäftigung am Landestheater nach Eisenach verlegt wurden.

Darüber hinaus wird eine wichtige kulturelle Institution in Eisenach einmal mehr in ihrer Position geschwächt.

Am Landestheater Eisenach gibt es gerade im Bereich des (jungen) Schauspiels eine ungewöhnlich hohe Fluktuation, die eine Identifikation des Publikums mit dem Theater zuweilen erschwerte. Endlich entstand in den letzten Spielzeiten das Gefühl, hier sei in der Sparte Junges Schauspiel ein Team zusammen gekommen, das bestrebt war, den Austausch mit Publikum und anderen Institutionen nachhaltig zu beleben und das Stadtleben mit innovativen Konzepten zu bereichern.

Unter anderem entstand so ein Kontakt zwischen Landestheater und dem freien Theater am Markt, der vorher nicht existierte und der von beiden Seiten als äußerst fruchtbar und produktiv wahrgenommen wird.

All diese Bemühungen werden durch den erneuten Personalwechsel im Keim erstickt. Dies ist nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die Stadt Eisenach und ihre kulturelle Landschaft unfassbar schade.

Aus der Presse war zudem zu entnehmen, dass Andris Plucis weiterhin als künstlerischer Leiter des Landestheaters fungiert. Sollte er nicht in seiner Funktion ein Mitspracherecht haben, was derart weitreichende Personalentscheidungen innerhalb der ihm unterstellten Mitarbeiterschaft angeht?

Wir appellieren an die Entscheidungsträger, sich der Vorgänge konkret im Hinblick auf die aktuelle Ausnahmesituation bewusst zu werden und deren Vertretbarkeit kritisch zu überdenken. Eine Verlängerung der bestehenden Verträge um eine Spielzeit ist vor diesem Hintergrund doch ein zumutbarer Weg,  um zum einen die Existenzsorgen der Betroffenen zu mindern und zum anderen die Zeit nutzen zu können, sich von deren künstlerischem Potential zu überzeugen.

Erstunterzeichner Theater am Markt Eisenach e.V.
Vorstand, Geschäftsführung & Ensemble

Unseren Offenen Brief können Sie bis zum 18.12. während unserer Bürozeiten Mo.-Mi. 09-12 und Mi. 15-17 Uhr bei uns im TAM mit unterzeichnen. Wer nicht persönlich kommen kann, kann die Aktion auch unter hier unterstützen.